Wohnen, wo andere nur staunend gucken: Die Waldspirale in Darmstadt

Waldspirale Darmstadt

Quelle: Wikipedia

Die Wohnsiedlung Waldspirale in Darmstadt ist ein auf den ersten Blick beeindruckendes architektonisches Bauwerk mit hohem künstlerischem Wert. Was sich für Besucher der Stadt als eine unvergessliche Sehenswürdigkeit entpuppt, ist für die Anwohner der außergewöhnlichen Wohnsiedlung täglich erlebbare Realität. Schon von weitem ist der farben- und formenfrohe Stil von Hundertwasser zu erkennen, der den Häusern einen unverkennbaren Stempel aufdrückt. Ohne auf die zahlreichen verspielten Details der Fassade zu achten, hat man als Betrachter sofort das irreale Gefühl, auf ein von Kinderhand gezeichnetes Märchenschloss zu schauen. Doch in Wirklichkeit handelt es sich im einen modernen Wohnblock in sehr beliebter Lage.

Farbenfroh, expressiv, abwechslungsreich und traumhaft: Jeder Blick enthüllt neue Details

Im gesamten Gebäudekomplex der Waldspirale in Darmstadt befinden sich 105 Appartements. Während der Innenraum individuell gestaltet werden kann, gleicht von außen buchstäblich kein Fenster dem anderen. Einen besonderen Blickfang bilden die goldenen Zwiebeltürme, die das Gebäude überragen. Alleine die optisch schnell feststellbare Tatsache, dass alle Fenster unterschiedlich sind, bricht mit der gängigen Erwartungshaltung in Bezug auf einen Wohnblock. Lässt man den Blick von diesen Details auf das gesamte Gebäude schweifen, so wird ersichtlich, dass die Natürlichkeit der Landschaft sich im Gebäude widerspiegelt: So wurde beispielsweise das Dach der Anlage mit verschiedenen Baumarten bepflanzt, was den verspielten Charakter auf natürliche Weise untermalt. Ganz in diesem Sinne warten im Garten ein einladender Spielplatz und ein künstlich angelegter Fluss auf die Bewohner. Alleine diese wenigen Details wecken eine nicht zu leugnende Faszination für das auffällige Gebäude. Zudem wird das Interesse des Besuchers unwillkürlich angeregt: Wie lebt es sich wohl in diesem ‚Traumhaus“? Verliert die detailreiche Gestaltung irgendwann ihren Reiz? Oder ist der Anblick jedes Mal aufs Neue aufregend? Diese Frage scheint berechtigt, denn ein Blick auf die vielen Details und Ungleichheiten kann schon ermüdend sein.

Die Waldspirale macht das Aufeinandertreffen von Architektur und Kunst erlebbar

Der österreichische Künstler Hundertwasser ist weltweit für seinen expressiven Stil bekannt, aber in der Darmstädter Waldspirale können die Bewohner diesen im wahrsten Wortsinne als Teil ihres Alltags (er)leben. Auf den zweiten Blick, nachdem die Formen- und Farbenvielfalt einigermaßen verdaut ist, wird erkennbar, dass rechte Winkel und gerade Linien fehlen. Dafür aber wird das Gebäude mit Zwiebeltürmen, Spiralen und bunten Säulen in eine zauberhafte Atmosphäre gehüllt. Das Fehlen von rechten Winkeln und geraden Linien in Kombination mit der farbenfrohen Fassade lässt ein Gefühl von Freiheit aufkommen. Es drängt sich das Gefühl auf, den Alltag hinter sich zu lassen. Und dies selbst, wenn man als Besucher nur einen Blick auf das imposante Gebäude wirft. Ein nicht erkennbares Muster bei der Größe und Form der Fenster und auf dem Gebäude emporragende Bäume machen ganz deutlich, dass diese Art des Wohnens alles außer gewöhnlich ist.

Ein bewohnbares Kunstobjekt: Schon ein Besuch der Anlage hinterlässt einen tiefen Eindruck

Dieses Gebäude wühlt auf, es beschäftigt den Betrachter unwillkürlich: Wir sind es aufgrund unserer Alltagserfahrungen nicht gewohnt, ein so großes Gebäude mit 1000 unterschiedlichen Fenstern zu sehen. Wer in klaren Formen und Strukturen denkt, wird mit Blick auf dieses Kunstwerk schnell an seine Grenzen stoßen. Zwar ist der Wunsch nach Individualität in aller Munde, aber möchte man in seiner eigenen Wohnung viele unterschiedliche Fenster haben? In diesem Wohnkomplex kann Kunst gelebt werden. Es ist keine Übertreibung, dies zu behaupten. Wer keine Bekannten dort hat, kann das Gebäude nur von außen begutachten, was reichlich visuellen Input zur Verfügung stellt. Aber gerade dadurch wird die Fantasie beflügelt. Die Wohnungen im Inneren mögen bis auf die unterschiedlichen Fenster recht ’normal‘ sein. Doch wie lebt es sich hinter einer solchen Fassade? Hat die Kunst einen Einfluss auf die Wohnqualität? Diese Fragen mögen sich beim lohnenswerten Besuch der Waldspirale stellen, letztlich können sie aber nur von den Bewohnern selbst beantwortet werden.

Beitrag zur Blogparade #Raumgefühl: Architektur denken von Anetts Stadtsatz Blog

Das #Raumgefühl an meinem neuen Arbeitsplatz

Plissee Livoneo

Quelle: Livoneo.de


Das neue Büro ist in einem großen Gebäude in der Nähe des Hafens in der Hamburger City untergebracht. Hohe Mauern aus roten Backsteinen von außen und innen ein sehr hoher Fahrstuhl aus Glas, der als Besonderheit einen verglasten Extra-Halt auf dem Dach des Gebäudes bietet, so dass man auf Wunsch einen gratis Rundumblick über einen Teil des Hamburger Freihafens genießen kann. Das Aussteigen ist hier allerdings nicht möglich.

Als ich meine neue Arbeitsstätte zum ersten Mal betrete, weht mir beim Öffnen der Tür ein leichtes Aroma von Druckerschwärze in die Nase. Der Raum öffnet sich vor meinen Augen, fast vier Meter hohe Decken, viel Fläche, viel Licht. Weiße Wände, ein heller Boden aus poliertem Beton, vereinzelt Schränke aus dunklem Holz. Arbeitsplätze mit mobilen, stoffbezogenen Trennwänden, so dass die Gespräche und das Klingeln der Telefone gedämpft werden und jeder Mitarbeiter seine Privatsphäre hat. Jeder Arbeitsplatz hat ein großes Fenster, welches einen wunderschönen Ausblick auf die umliegenden Gebäude bietet. Da durch die großen Flächen aber auch viel Licht einfällt, ist jedes dieser Fenster mit einem bunten Sonnenschutz geschmückt. Ich verwende das Wort geschmückt ganz bewusst, denn da die Firma (meine neue Firma) Sonnenschutzanlagen verkauft, ist jede einzelne Wand eine Art Werbefläche für ein ganz bestimmtes Produkt.

Wenn man den Raum betritt, fällt der Blick als erstes auf die gegenüberliegende Fensterfläche, wo viele hohe, schmale Scheiben mit Plissees ausgestattet sind. Jedes Plissee hat eine andere Farbe und einen anderen Tranzparenzgrad, jedes ist unterschiedlich  – aber die Farben sind so geschickt zusammengestellt, dass der Anblick wie ein gigantisches, modernes Gemälde wirkt. Das einfallende Sonnenlicht wird durch jeden einzelnen Abschnitt so gefiltert, dass sich farbige Streifen über den Fußboden des gesamten Büros bis hin zur Eingangstür ziehen – es ist wunderschön anzusehen!

Die Fenster der linken Wand sind mit Jalousien versehen – allerdings nicht die klassischen Alu-Jalousien, sondern Varianten in unterschiedlichen Holztönen und –maserungen. Die Wirkung ist interessant, denn obwohl ich mich in einem sehr modernen Raum befinde, ruft der Anblick Impressionen aus der Kolonialzeit hervor.

Auf der rechten Seite vor den Fenstern dann Rollos und Doppelrollos im Wechsel, und auch hier sind die Farben so geschickt zusammengestellt, dass die Wirkung schon fast die einer Kunst-Installation ist. Die Doppelrollos mit ihren hintereinander liegenden Stoffschichten mit abwechselnd transparenten und blickdichten Streifen bieten unendliche viele Möglichkeiten, den Durchblick zu regulieren, und die Trennungen zwischen den Stoffstreifen wirken in dieser Masse so, als ob jemand mit dem Zeichenstift am Werk war.

Nur mit Mühe kann ich mich von diesem Anblick losreißen und mich wieder auf das Leben um mich herum konzentrieren. Anhand der Vielzahl der Mitarbeiter und der klingelnden Apparate ist auszumachen, dass es viel Arbeit gibt und alle gut zu tun haben.

Endlich bemerkt mich ein junger Mann, löste sich aus seiner Gruppe und kommt auf mich zu, um mich zu begrüßen und mir alles zu zeigen. In dem Moment, als er mir die Hand gibt, vibriert der ganze Fußboden, da gerade eine U-Bahn unter dem Gebäude hindurch fährt und dies bis in den dritten Stock zu spüren ist. An dieses Gefühl sollte ich mich schnell gewöhnen.

Beitrag zur Blogparade #Raumgefühl: Architektur denken von Anetts Stadtsatz Blog

Casa Batlló in Barcelona

Wer einmal die katalanische Mittelmeermetropole Barcelona besucht hat, kann sich der künstlerischen Schaffenskraft von Gaudí kaum entziehen. Eine besondere Wirkung jedoch übt – selbst nach mehrmaligem Besuch – immer wieder die Casa Batlló im Stadtviertel Eixample aus. Beim ersten Besuch braucht es von weitem schon ein genaueres Hinsehen, um das einmalige Dach richtig deuten zu können. Nein, es ist keine Fantasie, es handelt sich tatsächlich um eine architektonische Ausnahmeerscheinung: Das auffällige Dach wurde in Anlehnung an eine Sage dem Rücken eines Drachens nachempfunden. Fliesen entpuppen sich bei Sonnenschein als glänzende Schuppen, die mit einer erstaunlichen Lebendigkeit unterschiedliche Farbtöne in Szene zu setzen wissen. Begrenzt wird das Dach durch einen Turm mit vierarmigem Kreuz. Allein der Anblick dieses Daches reicht, um der Fantasie freien Lauf zu lassen. Die verspielte Außenfassade zeigt eindrucksvoll, dass Gaudí mit seiner architektonischen Kunst Emotionen wecken wollte. Ein Gebäude, vor dessen Fassade viele Besucher minutenlang in Stille verharren, ist wahrlich in der Lage, diese Emotionen zu wecken.

Wer sich von der Fassade lösen kann, erlebt im Inneren ein überraschendes #Raumgefühl: Die farbenfrohen Fenster sind mit Säulen versehen, die der Form von Knochen sehr ähneln. Insofern hat das Gebäude noch viele weitere spannende Details zu bieten, wenn sich die Blicke vom faszinierenden Dach erst mal etwas tiefer bewegen. Mit einer großen Erwartungshaltung und Neugierde will sodann aber auch das Innere erkundet werden: Schnell erkennt auch der interessierte Laie, dass sich Gaudí an der Natur orientiert hat. Das Innere der Casa Batlló wird von organischen und geschwungenen Formen dominiert. Im ersten Stock hat man das Gefühl, Pflanzen und Höhlen zu erblicken. Die Brüstung der Balkone weist eine starke Ähnlichkeit zu Schädelknochen auf. Der ca. 50 Quadratmeter große Innenhof erinnert mit den blauen und weißen Keramikelementen an eine Höhle. Architektonisch gesehen hat der imposante Innenhof die Funktion, das Tageslicht für das gesamte Gebäude bestmöglich auszunutzen. Dementsprechend wirkt der Innenraum auch freundlich und überaus lebendig. Die Lebendigkeit geht in erster Linie auf die vielen bunten Mosaike und die geschwungenen Formen zurück, die dem gesamten Haus ein einladendes Flair verleihen.

Die runden Formen und fantasievolle Details brechen gekonnt mit architektonischen Zwängen. Das Dach der Casa Batlló ist ganz klar der optische Blickfang dieses Gebäudes: Es weckt tierische Assoziationen und präsentiert sich bei Sonnenschein in einer lebendig changierenden Farbenvielfalt. Im Inneren stellt sich bei mir ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit ein. Gaudí ist es mit geschwungenen und an der Natur orientierten Formen gelungen, ein besonderes Raumgefühl zu schaffen, das mit den uns umgebenden täglichen Wahrnehmungsmustern ganz bewusst bricht. Alleine die vielen Details der liebevoll gestalteten Außenfassade zeigen, dass sich Gaudí an keine architektonischen Zwänge gehalten hat. Und ganz zwanglos lasse ich mich immer wieder gern durch dieses Gebäude treiben und mich in andere Welten entführen…

Beitrag zur Blogparade #Raumgefühl: Architektur denken von Anetts Stadtsatz Blog

Neues Licht für die Sixtinische Kapelle

Die weltberühmte und magische Sixtinische Kapelle im Vatikan ist für ihre einzigartigen Fresken von Michelangelo und seinen Renaissance-Kollegen Botticelli, Ghirlandaio und Pinturicchio bekannt. Nach aufwendigen Renovierungsarbeiten erstrahlt die Deckenpracht in neuem Licht. Sprichwörtlich. Rund 7000 LED-Leuchten sorgen für klare Verhältnisse.

In Zusammenarbeit mit  Münchner Lichtkonzern Osram wurde ein Lichtkonzept erschaffen, welches erlaubt, die Sixtinische Kapelle in ihrer Gesamtheit zu verstehen, aber auch jedes Fresko bis ins kleinste Detail zu betrachten – ohne dabei die Pigmente der Gemälde zu schädigen.

Weitere Informationen zu diesem aufwendigen Projekt gibt es hier.

Architektur und Kultur(geschichte) erleben: Die Sixtinische Kapelle im Vatikan

Sixtinische_Kapelle

Decke der Sixtinische Kapelle (Quelle: Wikipedia)

Von außen vom quirligen Petersplatz aus betrachtet ist die weltberühmte Sixtinische Kapelle im Vatikan kaum zu erkennen bzw. erstaunlich unscheinbar. Im Gegensatz zum beeindruckenden und mit großen Bildern geschmückten Vorbau des gigantischen Petersdoms erscheint der sagenumwobene Ort der Papstwahl (Konklave) aus der Ferne wie ein gutes und recht kleines ‚Versteck‘ für die geheime Wahl des katholischen Kirchenoberhauptes: Eine eher hausdachähnliche Kuppel mit geziegeltem Dach lässt nicht vermuten, welche beeindruckenden Malereien sich im Inneren befinden. Der Schornstein, der im Zuge der Papstwahl durch schwarzen oder weißen Raum das Ergebnis verrät, ist übrigens normalerweise nicht zu sehen. Einen besonderen Reiz übt die Unzugänglichkeit der Kapelle auf: Sie kann nur bei einem Besuch der Vatikanischen Museen bestaunt werden. Auch für nicht Museums-Gänger ist alleine der Weg durch endlose Gänge mit herrlichen Deckenmalereien eine wunderbare Art, dem Alltag zu entfliehen und Spannung aufzubauen, schließlich wartet mit dem Besuch des Ortes der Papstwahl ein nicht alltägliches Ziel.
Alleine die versteckte Lage der Kapelle übt einen Reiz aus: Nach einem ausgedehnten Marsch durch die Vatikanischen Museen verweist plötzlich ein unscheinbares Schild auf den kleinen Zugang zur Sixtinischen Kapelle. Durch eine kleine Tür gehend eröffnet sich plötzlich eine beeindruckende Größe, die von außen bzw. von Fernsehbildern her zu urteilen nicht zu vermuten gewesen wäre. Die Deckenhöhe der Kapelle (21 Meter) lässt ihr eine gewisse majestätische Wirkung zukommen, die ihrer Funktion mehr als angemessen erscheint. Insgesamt ist die Sixtinische Kapelle aufgrund ihrer rechteckigen Form und der geraden Bauweise rein architektonisch recht unspektakulär, doch die weltberühmten Wandmalereien sorgen für eine beeindruckende Ausstrahlung, der man sich als Besucher kaum entziehen kann. Obwohl die Kapelle recht groß ist, ist sie meistens voll von Besuchern: Dennoch ist es erstaunlich ruhig, denn die Köpfe fast aller ragen staunend in die Höhe: Detailreich und farbenfroh präsentieren sich weltbekannte und sagenumwobene Deckengemälde in luftiger Höhe, wobei vor allem das ‚Jüngste Gericht‘ von Michelangelo auf der gegenüberliegenden Seite der großen Holztür die Blicke für viele Sekunden fesselt. Diese Tür ist für Besucher fest verschlossen, sie regt aber die Fantasie an, denn durch diese später versiegelte Pforte treten die Kardinäle zur Papstwahl ein.

Auch ein eher kurzer Besuch sorgt für bleibende Eindrücke. Insgesamt präsentiert sich die Sixtinische Kapelle mit einer gewissen majestätischen Schlichtheit, denn im Gegensatz zu den Wand- und Deckenmalereien ist der Innenraum bis auf einige Sitzbänke komplett leer. Lediglich eine Art Raumteiler durchbricht die gefühlt endlose Weite dieser an sich recht kleinen Kapelle im Herzen des Kleinstaates Vatikan. Als Besucher stellt sich unwillkürlich das Gefühl ein, einen besonderen Ort zu betreten. Wäre der Besucherstrom nicht so groß, könnte man sich stundenlang in den filigranen Details der Malereien verlieren. Die Sixtinische Kapelle ist der Beweis dafür, dass selbst architektonisch unspektakuläre Gebäude nicht zuletzt aufgrund ihrer Geschichte und Innengestaltung eine kaum in Worte zu fassende Wirkung entfalten können.

Architektonische Glanzlichter unter Tage: Auch ein U-Bahnhof kann nachhaltig Eindruck hinterlassen

Der Aufruf zur Blogparade #Raumgefühl: Architektur denken von Anetts Stadtsatz Blog hat mich dazu inspiriert, handschriftliche Notizen, Fotos und und Skizzen zu unterschiedlichsten Gebäuden endlich in eine „ordentliche“ Form zu bringen – vielen Dank dafür!

Ich starte mit dem U-Bahnhof Rathaus Süd in Essen:

U-Bahnhof Rathaus Süd

Im Herzen des Ruhrgebiets wartet in Bochum mit dem U-Bahnhof Rathaus Süd ein beeindruckendes Bauwerk unter Tage auf Besucher bzw. Fahrgäste, das bereits über der Oberfläche Akzente zu setzen weiß: Neben den notwendigen Zugängen ragen entlang der Ausmaße des Bahnhofs 13 prismenförmige Tageslichtöffnungen mit gebrochenem Panzerglas empor. Sie sorgen dafür, dass Tageslicht in den 14 Meter tief gelegenen U-Bahnhof einfallen kann. Auf diese Weise wird der Raum unter Tage mit Licht durchflutet, die jeweilige Tageszeit kann auch ohne einen Blick auf die Uhr durch die Lichtverhältnisse buchstäblich wahrgenommen werden. Abends werden die Prismen beleuchtet, sodass sie den umliegenden Bongard Boulevard in eine stimmungsvolle Atmosphäre tauchen.

Wer die Rolltreppe hinab fährt und einen Blick in den Bahnhof wagt, erkennt schnell, dass hier kein normales Bauwerk entstanden ist: Dunkel, eng und uninspiriert sieht es deutschlandweit in vielen Bahnhöfen aus, doch in Bochum wird der Aufenthalt unter Tage zu einer spannenden Entdeckungsreise. Zunächst überrascht die luftige und sehr weitläufig wirkende Konstruktion, denn Stützen oder Pfeiler sucht man hier vergebens: Der gesamte Bahnhof wird mit einer imposanten Faltwerkdecke abgeschlossen, in die sich die beschriebenen Tageslichtöffnungen harmonisch einfügen. Die Rückwände der Bahnsteige sind mit gebrochenem Glas versehen, das in wechselnden Farben angeleuchtet wird. Die Faltdecke wird ebenfalls mit bunten Strahlern und abwechselnden Mustern eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die beleuchteten Glaselemente sorgen in Kombination mit dem Stahl und Beton für eine einmalige Raumatmosphäre, die die industrielle Vergangenheit der Ruhrgebietsstadt in beeindruckender Weise widerzuspiegeln vermag. Ein weiterer Eyecatcher ist der Schrägaufzug mit einer Neigung von etwa 70 Grad, der sich von Glas umhüllt gemächlich bis an die Oberfläche bewegt. Ein besonderes und deutschlandweit einmaliges Schauspiel bietet die quer durch den U-Bahnhof verlaufende Brücke, auf der eine andere Linie verkehrt. Beim Warten können Fahrgäste so über ihrem Kopf eine andere Linie bestaunen, wobei die tonnenschweren Straßenbahnen dank der kompletten Verglasung der Brücke kaum zu hören sind. Es sind schon eher die leichten Erschütterungen, die einen nahenden Zug ankündigen.

Dieser U-Bahnhof verliert auch nach mehrmaligem oder gar täglichem Anblick nicht viel von seiner stilvollen und lichtdurchfluteten Wirkung. Besonders die mit Glas in Szene gesetzt Beleuchtung sorgt immer wieder für neue Eindrücke, wobei die komplett frei hängende Faltdeckenkonstruktion für ein unglaublich weitläufiges Gefühl sorgt, das durch die Tageslichtschächte zudem eine direkt sichtbare Verbindung zur ‚Außenwelt‘ erhält. Die konsequente Verwendung von Stahl, Glas und Beton ist nicht zuletzt auch eine gelungene architektonische Hommage an die schwerindustrielle Vergangenheit der lebhaften Ruhrgebietsstadt.